Rudolf Steiner und Kurt Hahn

Rudolf Steiner   Kurt Hahn

Ehrfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht.
Enthusiastischer Hinweis auf das, was dem Kinde nachfolgt.
Schützende Bewegung für das, was das Kind erlebt.

Rudolf Steiner

 

Es ist eine Vergewaltigung, Kinder in Meinungen zu zwängen,
aber es ist eine Verwahrlosung, Kindern Erlebnisse, durch die
sie ihres wahren Wesens gewahr werden, vorzuenthalten.

Kurt Hahn

Auf der Suche nach den historischen Wurzeln der Erlebnispädagogik stoßen wir dabei auf Kurt Hahn, der als charismatischer Politiker und Vertreter der Reformpädagogik „offiziell" als der Vater der Erlebnispädagogik bezeichnet wird.
Erlebnispädagogik und Waldorfpädagogik gelten als die erfolgreichsten (alternativen) pädagogischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Zwischen dem Leben und Werk von Kurt Hahn und Rudolf Steiner, zwischen der Erlebnispädagogik und Waldorfpädagogik gibt es - bislang wenig bekannte - frappierende Parallelen.
So soll Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, sogar den Wunsch gehabt haben, die Waldorfschulen entsprechend zu reformieren. Beispielsweise berichtet eine mündliche Überlieferung davon, dass Rudolf Steiner auf dem Sterbebett auf die Frage „Welche drei Wünsche würden Sie gerne noch verwirklichen?" geantwortet habe: „Zunächst würde ich das Ruder an den Waldorfschulen zugunsten der künstlerischen (erlebnishaften) Seite herumreißen!"

Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sich Hahn und Steiner von der Politik zurück. Steiner versuchte nun auf dem Weg der Erziehung, die Idee der sozialen Dreigliederung und des "ethischen Individualismus" zu verwirklichen. Ebenso forderte unabhängig davon auch Kurt Hahn die Verwirklichung seiner Idee eines "ethischen Imperialismus". Beide waren überzeugt davon, dass der Mensch ein nach Grenzerfahrungen strebendes Wesen ist. Kurt Hahn musste im Weltkrieg schmerzlich miterleben, dass junge Menschen ihre Grenzerfahrungen auf dem Schlachtfeld sammelten. Schockiert von dieser Erkenntnis postulierte er, dass die Erlebnispädagogik ein „moralisches Äquivalent des Krieges" entwickeln und verwirklichen solle, das dem jungen Menschen statt kriegerischer humanitäre Grenzerfahrungen ermöglichen könne.

Erlebnispädagogik als „moralisches Äquivalent des Krieges", das dem jungen Menschen statt kriegerischer humanitäre Grenzerfahrungen ermöglichen kann.

Als Rudolf Steiner von einem Förderer die Möglichkeit zu einer Schulgründung erhält, kommt es im September 1919 zur Eröffnung der ersten Waldorfschule.
Zur selben Zeit erhält auch Kurt Hahn von einem Förderer, dem früheren Reichskanzler Prinz Max von Baden die Chance, am Bodensee eine eigene reformpädagogische Schule aufzumachen. Ähnlich wie die erste Waldorfschule, die vom Fabrikanten Emil Molt finanziert wurde und speziell die handwerkliche Schulung betonte, verschrieb sich auch die Salemer Schule von Kurt Hahn speziell dieser Aufgabe.
Auch in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten begleitete beide Schulbewegungen ein ähnliches Schicksal. So war der Zweite Weltkrieg sowohl für die Waldorfschulbewegung, als auch für die Schulen von Kurt Hahn eine Zeit schwerster Rückschläge. Steiners Gedanke der Waldorfpädagogik und Hahns Ideen der „Erziehung durch Wagnis und Bewährung" (mit den Landerziehungsheimen, der Outward Bound Bewegung, den Kurzschulen, der Round Square Conference, der United World Colleges, dem "International Award for Young People") haben heute jedoch weltweite Anerkennung gefunden.
Im Jahre 2002 kam es schließlich durch den Kontakt verschiedener Pädagogen zu einer konzeptionellen und methodischen Kombination beider pädagogischer Richtungen. Dieser neue Ansatz, der unter der Bezeichnung ERLEBENSPÄDAGOGIK am EOS-Institut (Freiburg) beheimatet ist, hat sich zur Aufgabe gemacht, der neuen Generation auf der Suche nach echten und sinnvollen Abenteuern pädagogisch die Hand zu reichen.